Schirin Nowrousian: Leben Gegen Krieg

“Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte“…

 

Als der Ruf von Mohsen Emadi nach einem Text mich erreichte, nach einem Text, der – zusammen mit weiteren Texten von Dichtern und Schriftstellern aus aller Welt – wortwörtlich sich erheben und aufstehen würde gegen eine kriegerische Auseinandersetzung, um nicht zu sagen: gegen Krieg, der in diesem Januar 2012 im Raum steht, bedrohlich, und der insbesondere die Menschen im Iran treffen würde, hier und heute, da kamen mir ganz plötzlich diese Worte Else Lasker-Schülers wieder in den Sinn. Seit Jugendtagen trage ich sie mit mir, seit Jugendtagen hallen sie dauerhaft nach, immer mal wieder, aber hier standen sie auf einmal umso deutlicher vor mir, und umso dringlicher. Dem Aufruf Mohsens gab ich innerlich sodann die Worte „Leben gegen Krieg“ mit auf den Weg, und meine Gedanken begannen zu arbeiten, zu springen, zu kreisen, zu bohren. Noch mehr als sonst, denn schließlich ging es ja darum zu sehen, ob und wenn ja was sich schreiben lassen würde, zumal dazu noch in sehr kurzer Zeit, denn es ging und geht ja ums Jetzt! Schnell sollte es geschehen… Und so rannten die Gedanken los, fieberhaft, und suchten, spürten auf, und sie nahmen insbesondere mit auf die Suche jene Zeilen, die so sehr und seit so vielen Jahren in mir klingen: „Es steht im Dunkel der Kellertür, / Seitdem die Welt verrohte.“…

Nicht unsere persönliche Geschichte, schrieb Mohsen in seinem Aufruf, sondern Worte, die von Kriegen in unsere Sprachen eingemeißelt, eingehämmert, eingespeist wurden und werden, das ist es, was er von uns ersuchte. Worte also, so sagte ich mir, die unsere jeweiligen Sprachen gezeichnet haben, körperlich wie geistig, und mit denen unsere Sprachen zu sprechen haben, unaufhörlich. Die deutsche Sprache, so sagte ich mir dann, kann im wahrsten Sinne des Wortes ein Lied singen davon, ja, Lieder über Lieder… Die Französische ebenso. Oder aber sie können eben nicht mehr singen davon, nur noch sprechen, gar nur noch schweigen… Und dies alles wiederum singt, spricht und schweigt allein durch uns.

Die Verrohung der Welt. Es ist dies eine sehr treffende Formulierung, und eine sehr Düstere noch dazu. Welten verfeinern sich und verrohen, und sie verfeinern sich und verrohen und verrohen und verfeinern sich und dies alles in stetem Fluss und aufs Engste miteinander verkeilt, unzählige Welten in unzählig vielen Geflechten, Schichten und Strängen. Nichts steht je isoliert, alles hängt zusammen. Adornos vielzitierte Worte „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ und die ebenso zahlreichen wie vielzitierten Aussagen für oder gegen seine Worte und die Art, wie man sie zu verstehen habe, das alles spricht Bände, im wahrsten Sinne des Wortes Bände von den Narben, Verwachsungen und dem Nie-Verheilenden von vom Krieg heimgesuchten Menschen.

Und Krieg sucht heim: er findet jeden, im dunkelsten Winkel der Häuser. Und in den dunkelsten Winkeln der Häuser stehen fortan die stummen Klaviere, und die Menschen haben fortan verlernt, auf ihnen zu spielen… Und wir sollten froh sein über jedes Band wie Else Lasker-Schülers Worte eines sind, und auch die Worte Adornos, jedes Band, das in der Lage ist, den Wahn des Krieges zu uns zu tragen als stete Warnung und als immerwährender Aufruf zur Wachsamkeit!

Ebenso wie Adornos Satz geistert z. Bsp. auch der Satz durch die Sprachenwelten, die unsere Körperwelten sind, wonach es keine Freundschaft zwischen Staaten gibt, sondern nur Interessen und Allianzen. Dies ist, man muss es leider sagen, wohl wahr, und umso mehr ein Grund, über alles Staatliche und Nationale hinaus zu gehen, immer wieder, und zwar kompromisslos, d.h. wir, jeder einzelne Mensch!, dürfen uns von diesem unserem freien Kurs, der sich über die auf welche Art auch immer erdachten Zugehörigkeiten und Aus- wie Abgrenzungen von Menschen erhebt, nicht abbringen lassen, niemals, und wir müssen den Menschen aufsuchen bzw. uns an ihn halten, und an seine Lebendigkeit und kreative Schaffenskraft, und nichts als an ihn und sie.

Juni 2009, die Grüne Revolution im Iran, die blutig niedergeschlagen wurde und seither nur mühsam weiter geht, aber die weiter geht; und seither auch, und insbesondere seit Anfang 2011, die arabischen Revolutionen, die anhalten und auch zum Teil blutigste Wendungen nahmen und nehmen, und uns alle dastehen lassen, uns Menschen: dazwischen (ja, dazwischen und auf eine bestimmte Art auch mitten drin und keineswegs nur dabei, denn wer glaubt, dies gehe uns in Europa nichts an, irrt!): irritiert stehen wir Menschen da, staunend, verängstigt, ratlos, entsetzt, bewundernd, traurig, betrübt, erhitzt, erwacht… ob so viel Kampf und Bewegung. Da soll man sich mit einem Male per Internet-Umfragen äußern zum Ja oder Nein nicht-libyscher Soldaten in Libyen, d.h. zu einem Nato-Militäreinsatz, was einen geradezu zittern macht, denn wie – um Himmels Willen! – kann man je gerade stehen für ein solch kurzes, aus der Ferne eingeworfenes Ja oder Nein? Da sind diese Ohnmacht, und das dumpfe Wissen darum, dass „man“ sich nicht einmischen kann, darf, soll, und dass Bomben nichts richten, und zugleich ist da dieses Verantwortungsgefühl, dass da doch etwas geschehen muss, um Menschenleben zu schützen, und diese Dinge wollen alle nicht zusammen passen, und sie hinterlassen vor allem eines: größtes Unbehagen… Und dann bekommen wir Menschen mit, wie im gleichen Zuge in Syrien schlimmste Verbrechen an Menschen verübt werden und niemand von der internationalen Staatengemeinschaft eingreift, und wir erfahren, ja sehen in von Zeugen gefilmten Videomitschnitten, wie in Ägypten die vor noch nicht mal einem Jahr so „gefeierte“ Armee nun Demonstranten, Männer wie Frauen, aufs Brutalste niedertritt und niederknüppelt…

Und da ist sie wieder, die Rede vom Öl und vom Geld und von Atomwaffen und von Macht, d.h. von staatlichen Interessen, und darüber hinaus noch: von außerstaatlichen, aber dafür rein wirtschaftlich motivierten und umso skrupelloser vorgehenden Hegemonialbestrebungen. Und Ideologien jeder Couleur, religiöse wie nicht-religiöse gleichermaßen, erleben ihren Aufschwung, plustern sich auf ins Unermessliche, versuchen, Alles zu vereinnahmen, und Alles außerhalb von ihnen Liegende niederzumachen…

Sie waren ja nie weg, diese Reden vom Öl und Atom und vom Gewinn (und Verlust) und vom Gott und vom Gottlosen, aber nun flammen sie wieder auf, stärker denn je. Genau wie jetzt auch verschärft zwischen Iran und den USA, und unser aller Staaten… Natürlich, da sind sie wieder, all diese Reden, sie waren ja, wie gesagt, auch nie wirklich weg; wir konnten sie kommen sehen, wiederkommen sehen, wo es doch immer nur darum zu gehen schien und zu gehen scheint, und damit um machtpolitische Einflussnahme, wohin man auch schaut.

Es ist wie als verrohe und verfeinere sich die Welt der Menschen, diese menschengemachten Welt des Aufbaus und Untergangs, in einem gleichen Atemzug, aber in diametral entgegengesetzten Richtungen, und es ist, wie als sähe man bisweilen daher auch nicht, wohin es geht : zum Einen stehen so viele Menschen auf, um für ihre Rechte einzustehen, und sie tun es unter größter Gefahr für ihr Leben! Ihnen Allen muss unsere größte Bewunderung gelten! Zum Andern ruft dies die grausamsten Energien aufs Feld, für die sich ebenfalls immer Menschen finden lassen, um die Verrohung der Welt mit brutalster Gewalt voranzutreiben und umzusetzen.
„Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.“ Bonhoeffers Satz, der ganz ohne Zweifel aus einem noch viel schwärzeren Moment erwachsen ist, erklingt in meinem Kopf als einer dieser Sprachkörper, die die deutsche Sprache seit dem 2. Weltkrieg mit sich trägt, als etwas also, das tief eingebrannt in ihr steht, und es erklingt in mir mit diesen Worten die Suche nach dem immer Aktuellsten, das das völlig Inaktuelle ist, das alle Existenz durchstrahlt und belebt…

… und dann erklingt da in mir noch eines der wohl bekanntesten Anti-Kriegs-Lieder, das je geschrieben wurde. Es stammt aus der Feder von Boris Vian. Es geht darin unter anderem um genau dies: Kriege gibt es, weil es Menschen gibt, die sie führen.

Aber eine Revolution nun, ist das nicht auch immer ein Krieg gegen einen Krieg, der bereits in Gange ist und der sich gegen das eigene Volk richtet?! Eine Überlegung hierzu ist: Eine Revolution gegen z. Bsp. ein Regime ist so gesehen tatsächlich ein kriegerischer Kampf gegen einen stetig geführten Krieg, der im Landesinnern unterschwellig (und bisweilen auch sehr offen) gegen die eigene Bevölkerung geführt wurde und wird. Eine Revolution ist so gesehen die Eskalation des Kampfes gegen den stets schleichenden Krieg zwischen Menschen. Nicht jeder dieser Kämpfe mündet zwangsläufig in eine Revolution. Aber auch wir sind dabei, diesen Kampf zu führen, wir wissen es vielleicht bloß (noch) nicht… Krieg, dies muss man wohl leider sagen, ist immer, auch jetzt und hier, bei uns, auch wenn die Waffen zu schweigen scheinen.

Doch militärischer Ausbruch von Krieg, Krieg durch Waffengewalt, auch gerade zwischen Staaten, ist immer noch eine Stufe mehr. Ist so gesehen nochmal etwas Anderes, etwas in der Tat Verschärftes, weil absolut Verwüstendes: eine solche Eskalation größter Gewalt von Menschen an Menschen führt unabwendbar immer zum unwiederbringbar Zerstörenden und Zerstörten, zum Verheerenden für so viele Leben! Und in Vians zum Glück sehr berühmt gewordenen Zeilen aus dem zweiten Weltkrieg (dieses Lied: wieder eines dieser Bänder und Banden, die wir so dringend benötigen, um friedvoll zu leben, wo es nur geht, immer wieder aufs Neue erkämpft: denn ja, Frieden muss friedvoll erstritten werden!), in Vians Zeilen also ist gerade auch dies der zentrale Punkt: Krieg führen, nicht Krieg führen. Ein Deserteur, der sich dem Krieg-Führen in einem bereits angezettelten, laufenden Krieg versagt, der aussteigt, nicht mitmacht, der den Krieg unterlässt:

Monsieur le Président
Je vous fais une lettre
Que vous lirez peut-être
Si vous avez le temps
Je viens de recevoir
Mes papiers militaires
Pour partir à la guerre
Avant mercredi soir
Monsieur le Président
Je ne veux pas la faire
Je ne suis pas sur terre
Pour tuer des pauvres gens
C’est pas pour vous fâcher
Il faut que je vous dise
Ma décision est prise
Je m’en vais déserter

Unzählige weitere Gedanken drängen sich in meinem Geiste zusammen, wollen hinaus und hinein in diesen kurzen Text, doch ich sage ihnen: Ihr Lieben, danke für Euer Kommen, ihr seid und werdet nicht vergessen, doch wir wollen es für jetzt hierbei belassen. Denn ja, was sonst soll man der Welt, soll man in die Welt hinein sagen, als genau dies:

Kämpft für eine gewaltfreie Welt, wo es nur geht! Dieser Kampf beginnt überall (und immer auch bei sich, bei uns selbst) und er endet: nie. Ja, das ist die Gewissheit, die wir haben. Kriege zu verhindern und in friedvollem Umgang miteinander zu leben, ist die nie endende Aufgabe der gesamten Menschheit.

Den Tanz der Ratten im Geklirr der Santur – dieser schillernd blauen Santur – zu verhindern, zerbrochene Leben, zerfetzte Leiber und Seelen uns unbekannter und doch so nahstehender Mitmenschen auf diesem Erdenrund zu verhindern, zu verhindern, dass das blaue Lied des Lebens verstummt, hier wie dort, aus jedermanns Warte, zu verhindern schließlich, dass jemand auf dieser Welt die blaue Tote beweinen muss und wir Alle dastehen, in völliger Verrohung, ohne jede Musik und Note, dafür sollten wir aufstehen, alle, immer wieder, immerzu, im Iran, in den USA, in Israel, in Palästina, in ganz Europa, in der gesamten Welt. Dafür lohnt es sich, die Stimme zu erheben – bei aller Unzulänglichkeit von Gesagtem und bei allem, was noch darüber hinaus zu sagen ist – und dafür lohnt es sich fürs stets Erste nichts weiter zu sagen, als genau dies:

Erhebe Deine Stimme zum Frieden und damit zum Gleitflug durch die Nacht, durch Tag und Nacht, Nacht und Tag, durch den Tag, den Du flinken Schrittes betrittst, und durch die Nacht, in die Du noch flinkeren Schrittes eintrittst und in der Du bebst und schwebst. Erhebe sie, Deine Stimme, denn niemand sonst wird sie für Dich erheben, doch all diese Niemand-Sonsts bedürfen ihrer. Ohne Unterlass.

 

Schirin Nowrousian

 

Ziryab

Das Wasser stand
an der Tür wie
Deine verloren
geglaubte Ferse.
Das Wasser saß auf
dem Zweig, dem
Du die Unendlichkeit
des Himmels
beweisen musst.
Das Wasser lag
vorne über gebeugt
auf den Stufen
zum Theater,
von wo aus
es nach den
Tränen rief.
Es sammelte um
sich ganze Berge von
Samt, auf dem es
schlief, nachts, wenn
es kalt wurde
auf dem Platz
der vergessenen Wunder.

Sing, Ziryab! Sing!
Und tanz die unendliche Runde.

SN

(Aus dem Gedichtband Ziryabs Gnu, erschienen in zweisprachiger deutsch-englischer Ausgabe im Juli 2008 bei farpoint recordings, Dublin.)

Foto: Jonas Niederstadt

Schirin Nowrousian wurde in Bochum geboren und lebt momentan in Bremen. Sie hat zuvor viele Jahre u.a. in Paris, Dublin und Brüssel studiert und gelebt. Sie arbeitet als Autorin, Übersetzerin, Lektorin und Sprachlehrerin sowie in den Bereichen Dramaturgie & Regie. Neben mehreren Gedichtveröffentlichungen in Literaturzeitschriften in Deutschland, Belgien und den USA erschien 2008 ihr Debütband „Ziryabs Gnu“ in einer zweisprachigen (deutsch-englischen) Ausgabe mit Audio-CD bei farpoint recordings in Dublin. Im Frühjahr dieses Jahres erscheinen beim Bremer Sujet Verlag die beiden Gedichtbände Ast – است und Aus Paris heute…

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