Bericht aus der Umlagerten Stadt

Die Erinnerungen an Kriege sind eingebettet in den Körpern aller Sprachen. Verschiedenartige Waffen wurden unter der Haut von Sprachen erfunden. Auf den Knochen der Wörter sind Eroberer marschiert. Kein Ton ist übler, als der einer Patrone, wenn der Wind mit den Zweigen spielt und der Mond seinen bescheidenen Lauf quer durch den Himmel nimmt. Das Kind bedeckt sein Gesicht mit seinen Händen; die Frau fährt fort ihr Hochzeitskleid zu besticken; die Wölfe heulen und heulen; und die alte Kerosinlampe qualmt. Ein Kind steht auf der Veranda der Sprachen. Die Raketen fliegen vorbei; das Haus und die Veranda sind zerstört; der übel tönende Chor der Patronen hallt im entfernten Hintergrund der Wörter; die reisenden Patronen verschwinden und tauchen wieder auf. Sie biegen ab und zielen auf die Gemälde an den Wänden des Sprachenlabyrinths.

Erinnerungen an den Krieg sind schmerzvoller als seine Geschichte. In diesen Tagen bereiten Weltmächte ihre Kriegsschiffe und Raketen vor, um die persische Sprache zu bombardieren. Sie haben schon viele Albträume in die Träume dieser Sprache versetzt; mit ihren Sanktionen, mit ihren Demütigungen. Die Diktatoren, einer nach dem anderen, fordern Krieg, um der Poesie das Leben zu nehmen, um die Seele aus dem Wort zu entleeren. In diesen Tagen fühlen Iranerinnen und Iraner den Marsch jahrhunderte langer Albträume auf ihrer Haut. Dichterinnen und Dichtern ist es nicht erlaubt in die Machtspiele einzugreifen; sie haben es nie gewollt. Dichterinnen und Dichter spüren den Körper des Menschen. Iran ist die Heimat von Hafiz, Khayyam und Rumi, ein Land in dem Dissidenten exekutiert wurden, während sie Gedichte rezitierten und Widerstandslieder sangen. Dieses tragische Land wird nun wieder bedroht. In jedem Krieg werden die Erinnerungen aller Kriege der Menschheitsgeschichte geweckt, sie bezeugen, sie warnen uns. Vielleicht können Dichterinnen und Dichter, wenn sie über ihre Erinnerungen, über Erinnerungen an Kriege in ihren Sprachen schreiben, einige Menschen beeinflussen, auch wenn es nur eine Minderheit wäre. Ich fordere Sie nicht auf über Ihre Geschichte zu schreiben; ich frage Sie danach, Ihre Erinnerungen zu beleben, Erinnerungen, die in den Körpern Ihrer Sprache gelebt haben und leben.

Liebe Dichterinnen und Dichter, würden Sie mir bitte eine Seite Erinnerungen an das, was Sie erfahren haben, an folgende Adresse zusenden?: mohsenemadi@gmail.com.
Wir werden diese Erinnerungen in mehreren Sprachen publizieren, zusätzlich zu den Gedichten jeder Dichterin und jedes Dichters. Diese Einladung ist adressiert an alle Dichterinnen und Dichter, die sich gegen die Diktatur in ihrem Land und gegen die Einmischung von Weltmächten in ihre Angelegenheiten wehren. Bitte tun sie diesen Gefallen all jenen Menschen, dessen Träume und Unabhängigkeitsbewegungen in diesem wahrscheinlichen Krieg zerstört werden können. Noch wird in diesem Land die Stimme der Poesie gehört, vergesst seine Menschen nicht.

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