Azar Mahloujian: Seife

Liebe  Mehri,

Ich vermisse dich so sehr. Seit vorgestern, als ich ein Stück süßlich riechender Seife in einem Laden in Stockholm gefunden habe, denke ich an dich. Die Seife mit dem frischen grünen Geruch von Äpfeln, die ich das erste Mal bei dir zu Hause gesehen habe, als ich dich besuchte. Wir gingen zu dir nach Hause, nach der Arbeit im Krankenhaus. Es war so angenehm, die Krankenhausgerüche mit der Seife abzuwaschen. Dein Mann war zu Hause und fragte uns wie alles gelaufen wäre. Er dachte, dass wir verrückt seien solche Risiken in Kauf zu nehmen. Aber wir waren so von uns selber überzeugt, dass wir nicht auf ihn hörten. Du beschuldigtest ihn zu theoretisch zu sein. „Er lebt in seiner Traumwelt voll von Büchern“ erklärtest du uns und verwarfst seine Faulheit. Aber später verstanden und erkannten wir, dass wir die lächerlichen waren!

Das war der Anfang unserer Freundschaft. Du warst neu an meinem Arbeitsplatz. Eine junge Schönheit mit wunderschönem langem Haar, das du oft zu einem Zopf zusammengeflochten getragen hast. Mit deiner Natürlichkeit hast du einen starken Einfluss auf mich hinterlassen. Warm und einfühlsam, eine junge Frau die gerade nach Hause zurückgekehrt ist, nachdem sie lange Jahre im Westen studiert hat. Ich mochte deine Einstellung und dein Lächeln.

Die Seife, die ich jetzt gerade benützt habe um meine Hände zu waschen,  hat die Erinnerung an dich heraufbeschwört. Die Seife wurde aus Deutschland importiert und wurde deshalb nur von Straßenverkäufern verkauft die damals fast alle Bürgersteige in der Pahlvi Straße belagert hatten. Die Jungen, die ohne Arbeit waren, wurden Straßenverkäufer und verkauften alles von Büchern und Kassetten, bis zu Kleidern. Als die Ortsbehörden dies verboten, gingen die Verkäufer auf die Straße und demonstrierten gegen die Arbeitslosigkeit, und du sagtest, dass es unsere Pflicht sei, sie und ihr Recht auf Arbeit, zu verteidigen.

Der frische Geruch der Seife befreit mich von der Erinnerung an einen anderen Duft, obwohl er gleichzeitig auch eine  Erinnerung daran ist. Ich werde niemals unsere Nacht im Krankenhaus vergessen. Die Nacht die wir zusammen in der Dunkelheit des Flures verbracht haben, als Krankenwagen um Krankenwagen die verbrannten Männer von der Front brachten. Den Gestank der verbrannten Männer kann ich noch immer in meine Nase fühlen, sobald ich anfange an diese Nacht zu denken. Im Mondlicht sahen wir wie sie aus dem Krankenwagen ausgeladen wurden. Zwei Hubschrauber hatten sie direkt von der Front gebracht.  Sie stöhnten und ächzten und bettelten nach Wasser, aber die Ärzte hatten uns verboten ihnen Wasser zu geben. Lichter waren nicht erlaubt, weil sie dazu führen könnten, das die Stadt von Bombern angegriffen wird. Im Krankenhaus waren Kerzen angezündet worden. Alle Betten hier waren besetzt, darum wurden extra Betten in den Fluren aufgestellt. Du und ich waren in einem Schockzustand als wir zwischen den Betten hindurch liefen, und als wir nachdem wir nach mehreren Stunden endlich die Erlaubnis hatten ein paar Minuten Pause zu machen um im Sekretariat zu rauchen, waren wir still, wir hatten nichts zueinander zu sagen. Wir waren die Helfer der Ärzte und Krankenschwestern, die ausgesandt wurden um die ein oder andere Sache aus Regalen und Vorratsräumen zu holen. Das war das einzige das wir tun konnten. Ja, wir sprachen mit jedem der in der Lage war zu sprechen, und wir versuchten Trost zu spenden. Ein sehr junger Mann rief nach seiner Mutter, ein anderer wollte dass wir seine Familie kontaktieren, ein dritter sprach über seinen letzten Willen und sein Testament und rief nach Allah…

Was für eine unglaubliche Nacht! Das schlimmste war der Geruch eines Soldaten der in einem Panzer gebrannt hatte, der Gestank machte mich fast Ohnmächtig. Wir waren nicht darauf vorbeireitet was wir in dieser Nacht sahen. Unsere Vorbereitungen bestanden aus einem Erste Hilfekurs den wir beim Arbeiten zur verfügen gestellt bekamen. Wir hatten zwei Ärzte eingeladen, und zusammen mit allen Angestellten unserer Bücherei, besprachen wir die wichtigsten Dinge. „Es ist Krieg, und jeder muss seine persönliche Breitschaft erhöhen“ sagten wir, und kämpften darum, dass jeder vom Arbeiten freigestellt wurde um für eine Woche im Krankenhaus auszuhelfen. Jeder musste mobilisiert werden. Du und ich hatten uns dieses spezielle Krankenhaus ausgesucht, weil es auf Verbrennungen spezialisiert war.  Das einzige im Land, mit der besten Ausstattung, und erbaut nur wenige Jahre bevor der Revolution. Und nun waren wir da, ohne dass wir wirklich verstanden was wir hier machten. Als die Tagesschicht anfing, waren wir so erschöpft, dass der medizinische Aufseher entschied dass wir zu müde sind, und bis zum nächsten Tag nicht zurückkommen sollten. Als wir zurückkamen, waren sieben Männer von der vorherigen Nacht, an ihren Verbrennungen gestorben.

Was haben wir wirklich gemacht? Waren wir vielleicht Masochisten? Oder waren wir so von der Kriegshysterie überkommen worden, die es so schwer ist zu vermeiden? Wir, die gegen den Krieg waren? Es macht keinen Unterschied ob es Saddam Hussein war der ihn angefangen hat, oder Khomeini, der ihn in Wirklichkeit gestartet hat, mit seinen Intrigen bezüglich der Privatangelegenheiten unseres Nachbarlandes. Letzten Endes, als die Bomber Nacht für Nacht anfingen auch Teheran zu erreichen, war es nicht mehr länger ausreichend nur an Diskussionsgruppen außerhalb der Universität teilzunehmen, und Antikriegssprüche auf Wände und Handzettel zu schreiben. Tagsüber eilten wir in die bombardierten Wohngebiete, bevor sie mit Bulldozern dem Erdboden gleich gemacht wurden. Die junge revolutionäre Regierung hatte vor, die Moral aufrecht zu erhalten, indem sie uns die Zerstörung nicht sehen lassen wollte! Stattdessen erzählten uns unsere Reporter, Tag und Nacht, wie wir zum Herzen des Feindes vorrücken. Aber wir sind ein Volk, mit vielen Erinnerung an die Lügen derjenigen die die Macht hatten über Jahrtausende hinweg, und wir haben uns beigebracht denen zu Misstrauen die die Macht haben, obwohl wir uns nicht immer trauen es zuzugeben, oder uns danach fühlen. Wir wussten bereits, dass wir zwischen den Zeilen lesen müssen, und unsere eigenen Schlussfolgerungen ziehen sollten. Am Abend, wenn die Ausgangsperre herrscht, die Vorhänge zugezogen und die Fenster mit schwarzem Karton zugeklebt, würden die Leute zu Hause sitzen und allen ausländischen Radiosendern zuhören, die in unserer Sprache übertragen wurden. Wir hörten auch Radio Bagdad, die Stimme unseres Feindes! Wenn Wärter kamen um die Häuser der Leute zu durchsuchen, würden sie die Radios anschalten um zu sehen auf welche Frequenz sie eingestellt sind. Einer meiner guten Freunde wurde vor ein paar Jahren verhaftet als er auf der Toilette saß und BBC hörte. Er hatte nicht gehört wie sie an der Tür klingelten, und seine Frau die Tür öffnete unter der Annahme, dass es die Nachbarn sind die etwas wollten, und sie hatte nicht genügend Zeit um ihn zu warnen. Selbstverständlich verschlimmerte es seine Situation, dass er BBC gehört hatte.

Die Kriegshysterie traf auch die Linken. Einige Oppositionsgruppen mobilisierten ihre Mitglieder und schickten sie an die Front, aber dies wurde die Verschwörung der Linken gegen den Islam genannt, ein Weg für die Linken, Waffen in ihre Hände zu bekommen, die später gegen die Regierung benutzt werden können. Gott sei Dank, sie wurden von der Front abgezogen. Es würde das Fass zum Überlaufen  bringen, wenn wir Linke hätten die unter islamischer Fahne kämpften. Es brauchte nicht lange bis jeder, der gegen diesen Krieg war der plötzlich Heiliger Krieg genannt wurde, beschuldigt wurde, ein Spion Saddams und Verräter des eigenen Landes zu sein.

Während der Woche im Krankenhaus sahen wir so viel Elend und furchtbares Leiden, so dass es zu viel für uns wurde. Wir sahen ein, dass wir keine Florence Nightingales sind. Wir waren nicht mal dafür gemacht Assistenten für Krankenschwestern zu sein. Ich wurde nur davon besessen, ständig den Gestank von meinen Kleidern und Körper waschen zu wollen. Ich hatte genug von Drama und Heldentaten gehabt, und gab mich damit zufrieden nur den Nachbarn in meinem Haus zu helfen. Ich lebte ganz unten in einem vierstöckigen Gebäude. Ich und Homa, der im obersten Stockwerk lebte, waren die jüngsten im Haus, darum wurde von uns erwartet, dass wir in Nächten, in denen Bombenanschläge stattfanden, zur Verfügung stehen.

Der Alarm war zu hören und das Radio wies Leute an, zu den Luftschutzbunkern zu rennen. Aber niemand fragte “Was für Bunker”! Sinnlos zu fragen, da jeder wusste das solche Dinge nicht existierten. Leute beeilten sich in Kellern, Garagen und Parkplätzen Unterschlupf zu finden. Die Nachbarn waren damit zufrieden in meine Wohnung zu kommen, als ich es ihnen an bat. Dies war nicht sehr vernünftig. Wenn eine Bombe unser Gebäude treffen würde, würden wir alle unter den Trümmern lebendig begraben werden. Als der Alarm losging rannten Homa und ich mit Taschenlampen in unseren Händen von Wohnung zu Wohnung und halfen jedem in meine Wohnung zu kommen. Eine Gruppe von ungefähr 30 Leuten jeden Alters, die meisten von ihnen mit Todesangst. Wir saßen mit einer Kerze um das Radio herum, und warteten das die Sirenen Entwarnung geben würden. Dann halfen wir ihnen zurück in ihre Wohnungen. Die ersten Nächte war jeder verängstigt und leise. Die Nachbarskinder weinten in den Armen ihrer Eltern im Dunkel einer unbekannten Umgebung und zwischen so vielen Leuten. Vielen der älteren Leute fiel es schwer zu atmen. Wir konnten die Fenster nicht öffnen, weil keine Lichter gesehen werden sollten. Während der ersten paar Nächte trauten wir einander nicht, und saßen und blieben still, aber nach einigen solcher Nächte wurden verärgerte Stimmen laut zwischen meinen nächtlichen Besuchern. Das Radio sagte uns das jeder der ein Licht anmacht ein Verräter ist, jemand der den Bombern des Feindes ein Signal geben möchte, und wir hörten die Wärter die draußen in unseren Straßen patrouillierten und die in drohender Weise riefen: “ Du da, du Kommunist, Revolutionsgegner! Mach das Licht aus!” sobald irgendjemand ein Licht anmachte hinter zugezogenen Vorhängen. Schwarzes Kartonpapier war nach nur ein paar Kriegswochen in den Läden ausverkauft und es wurde zum Kunststück es auf dem Schwarzmarkt in die Hände zu bekommen.

Eines Tages hatte einer meiner Nachbarn die Idee eine Spitzhacke zu kaufen und er ließ sie in meiner Wohnung für den Fall dass wir unter den Ruinen eingeschlossen werden, so dass wir uns im Notfall selber ausgraben können. Eine Person mit Herzproblemen ließ einen Teil ihrer Medizin bei mir, so dass sie nicht daran denken müsse wenn sie sich in meine Wohnung beeilte nachdem der Alarm los ging. Für mich selber packte ich einen Rucksack mit ein bisschen Medizin und Ersatzkleidung und einer Flasche Wasser – so dass ich jederzeit schnell von hier abhauen könne. Es passierte, dass der Alarm mehrere Male in derselben Nacht los ging, und wir die Prozedur mehrere Male wiederholen mussten. Eine jener Nächte war ich so müde, dass ich in meine Schuhe anließ während ich in meinem Bett schlief, so dass ich jeder Zeit in der Lage wäre sofort aufzuspringen um die Nachbarn zu holen. Es wurde eine lustige Geschichte, etwas worüber wir später lange lachen konnten. Nach einiger Zeit worden meine nächtlichen Besucher müde von all der nächtlichen Aufregung –  sie sagten, „Wenn es Gottes Wille ist, werde ich sterben, wo auch immer ich sein werde“ und sie gaben auf ihre Wohnungen zu verlassen.

Der Krieg ist jetzt vorbei, Himmel sei Dank, aber der Geruch kommt immer wieder zu mir zurück wenn ich an unsere Nacht im Krankenhaus denke. Den Geruch des Krieg, den ich wünsche weg zu waschen, mit der Seife die mich an dich erinnert.

Eine große Umarmung aus Lund,

Azar Mahloujian

 

Azar Mahloujian (1949, Bâbol, Iran), eine iranische Schriftstellerin, floh nach Sweden in 1982 als politischer Flüchtling und lebt seit je her in Stockholm. Sie ist Autorin mehrerer Bücher, unter anderem Back to Iran und The Torn Pictures die Besteller in Schweden sind. Sie machte den iranischen Dichter Ahmad Shamlou bekannt und übersetzte seine Werke ins Schwedische. Sie schreibt regelmäßig für die schwedische Presse über Exil, Identität und kulturelle Zusammenstöße. Ihr letztes Buch, Meet you in Larnaca (Sept 2011) basiert auf dem Mord eines iranischen Flüchtlings.

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