Itsuko Ishikawa: Ein Mädchen

Ein Mädchen sitzt weiterhin draußen, entblößt
sogar an einem Herbsttag, und mitten im Winter
Schnee fällt unablässig
häuft sich an auf dunklem Mädchenhaar, sowie auf ihren Knien

Im fernen Süden, weit entfernt von deinem Heimatland
Fandest du dich inmitten von Bombenanschlägen, oder am verhungern
oder getäuscht und zu einer „Bedürfnisanstalt“ in China gebracht
niedergetreten von japanischen Soldaten der Kaiserlichen Armee weil du Widerstand geleistet hast
oder du bekamst eine Geschlechtskrankheit dort, und hast gelitten und starbst?

-    Sie waren keine „Trostfrauen“ sondern Sexsklaven

Diejenigen die litten und überlebten,
leiden noch lange nach ihrer Befreiung
Harumoni*- ehemals ein Mädchen aber nun gealtert
sah die Überbleibsel ihrer Jugend
ihre Hände ausgestreckt, sanft schüttelt sie den Schnee  aus dem Haar des Mädchens

Vor der japanischen Botschaft in Seoul
sitzen Mädchen, schweigend und still
sie umarmen die Sorgen und Wut von über zweihunderttausend Opfern
drücken sie an ihre weichen Brüste
und sie sitzen nach wie vor

Ein Mädchen als Ikone
die Augen weit geöffnet
sieht sie die zahllosen Angriffe auf Mädchen
auf der ganzen Welt
und weiterhin sitz sie
im Schnee

 

Während ich das Buch  Die Mädchen Die Zu Trostfrauen schrieb, besuchte ich Süd Korea.
Dort, Prof. Yun Chung-Ok, damals Vorsitzender des Korean Council for the Women Drafted for Military Sexual Slavery by Japan, stellte mir drei Harumonis (Opfer der Sexsklaverei) im Gemeinschaftshaus* vor, und ich konnte ihren schmerzhaften Geschichten zuhören. Seit damals habe ich die Opfer von Angesicht zu Angesicht getroffen. Viele von ihnen sind schon tot. Als ich dieses Gedicht schrieb, habe ich an ihre Gesichter gedacht.

Ich glaube das Verachtung von Frauen zu Krieg führen kann.

Jeden Mittwoch gab es Demonstrationen vor der Japanischen Botschaft in Seoul. Sie werden von den Opfern und ihrer Anhängerschaft durchgeführt, die eine offizielle Entschuldigung von der Japanischen Regierung fordern. Am 14. Dezember 2011 fand die Demonstration zum 1000-mal statt ohne dass es irgendeine Entschuldigung oder Entschädigung gegeben hätte. Aus diesem Grund wurde die ‚Friedensstatue‘ vor der Japanischen Botschaft in Seoul aufgestellt.

Dieses Monument stellt ein barfüßiges Mädchen dar das einen Chima jeogori* an hat und Stillschweigend auf einem Stuhl sitzt. Neben ihr befindet sie ein leerer Stuhl. Dieses Gedicht viel mir ein als ich mir das Foto von diesem Monument anschaute.

 

Itsuko Ishikawa

 

* Harumoni – in Koreanisch, ‘Großmutter’
* Gemeinschaftshaus (나눔의집) bezeichnet eine Wohngemeinschaft wo die Opfer militärischer Zwangsprostitution mit Freiwilligen zusammenleben. Es befindet sich in Gwangju City, Gyeonggi Province in Süd Korea.
*Chima jeogori ist ein traditionelles koreanisches Gewand für Frauen

Itsuko Ishikawa ist eine Japanische Schriftstellerin, geboren 1933 in Tokio. Sie gewann den Mr. H Preis, den wichtigsten Preis für Dichter, für ihre Gedichtsammlung Wolf/Us.
Für fast drei Jahrzehnte (1982 – 2011) war sie Verlegerin für die Zeitschrift  “Thinking about Hiroshima and Nagasaki”. Die Zeitschrift erhielt den fünfzehnten Frauen Kultur Preis.
Itsuko ist Autorin vieler Bücher, unter anderem Sea of Rongelap (2009), Note of Osahito: Ghost Story About the Shadow of the Meiji Restoration (2008), Have You Been to Chidorigafuchi? (2005) (erhielt den elften Earth Preis), Japanese Wars and Poets (2004), I Turned to Ash: Do you know the depleted uranium bomb? (co-Autor zusammen mit Dr. Hiromi Misho,2004), Girls Who Were Turned Into Comfort Women (1993), und Hiroshima: the voice of the dead (1990).

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